Veranstaltungen

Magdeburg erinnert sich

Die Veranstaltung Stadtzeitzeugen hat am 09.12.08 um 18:30 Uhr stattgefunden und wurde von Julia Ehritt organisiert.
Es ging um die Vergangenheit Magdeburgs.

Wie sah Magdeburg eigentlich vor 70 Jahren aus? War die Innenstadt schon immer mit Einkaufszentren überfüllt oder gab es auch eine andere Bebauung in Magdeburg? Zeitzeugen aus Magdeburg werden über ihre Erfahrungen in und mit der Stadt berichten, wie sie vor der Zerstörung im zweiten Weltkrieg aussah, wie die politischen Vorgaben den Wiederaufbau beeinflussten und welche Projekte nach der Wende entstanden.

Adresse: Halberstädter Str. 135a, 39112 Magdeburg

Dokumentation

„Magdeburg hat seine Identität zweimal verloren und bis heute nicht wiedergefunden!“, stellte einer der Zeitzeugen bei unserer Podiumsdiskussion am vergangenen Dienstag in den Raum.

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Ihre Identität als Metropole in Europa verlor Magdeburg bereits 1631 bei dem Angriff von Tillys Truppen auf Magdeburg. Nachdem die Stadt anschließend als Festungsstadt aufgebaut wurde, erlebte sie in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine weitere Blütezeit und wurde zu einer stolzen, fortschrittlichen und innovativen Stadt. Jedoch fand auch diese Identität ein jähes Ende in der Bombennacht des 16.1.1945. Die Magdeburger Innenstadt mit den vielen kleinen Gassen wurde komplett zerstört.

„Wenn ich das Stadtzentrum zerstöre, dann zerstöre ich die Identität einer Stadt.“, wertet der Bauingenieur Bruno Krayl die Ereignisse und Konsequenzen der Bombennacht.

Im Folgenden entspann sich ein Gespräch über den Wiederaufbau, die Ideologien und Probleme in der Nachkriegszeit und die heutige Bebauung der Stadt.

Zunächst berichteten die Zeitzeugen von ihren Erinnerungen an „jene schlimme Nacht“ und an die zerstörte Stadt. In Kellern hatte man die Bombenangriffe abgewartet und als man danach auf die Straße trat, war dort eine unendlich groß scheinende Feuerwand. Die Stadt stand in Flammen und von dem einst so prächtigen Breiten Weg blieb kaum etwas erhalten. Marlies Koppmeier war damals drei Jahre alt und bekommt bei der Erinnerung daran heute noch eine Gänsehaut.

Als die Menschen nach der Bombennacht in die Stadt zurückkehrten, fanden sie Trümmerberge vor sich. Es dauerte sechs Jahre, bis 1951, bis der Wiederaufbau beginnen konnte. Trümmerfrauen klopften die Steine frei vom Schutt und transportierten diese mit den Trümmerbahnen zu den zentralen Sammelstellen. Die große freie Fläche vom Uni-Platz Richtung Elbe war solch ein Sammelplatz. Haushoch türmte sich dort der Schutt.

Rolf Legerlotz erinnert sich noch an diese Zeit: „Die Menschen haben sich gegenseitig geholfen und zum Teil ihre Häuser wieder selbst aufgebaut.“  Auch gab es in dieser Zeit kaum etwas zu essen und mit rationierten Lebensmittelkarten musste „eingekauft“ werden. Rolf Legerlotz erinnerte sich an eine Nachbarin, die die Kinder des Hauses jeden Samstag zum Kartoffelpuffer essen einlud, da der Mann in einer Fett- und Öl-Fabrik arbeitete und sie somit die nötigen Materialien hatte.

Der Wiederaufbau der 50er Jahre war nun, laut Bruno Krayl, von einem Widerspruch bestimmt. Einerseits musste die Wohnungsnot beseitigt werden und schnell Wohnraum geschaffen werden. Andererseits ging es darum, eine Stadt komplett neu zu gestalten. In diesem Spannungsfeld wurden manche Entscheidungen eher pragmatisch als stadtplanerisch getroffen. Hinzu kam eine gewisse Bauideologie, die zentral geplant und in vielen sozialistischen Städten beim Wideraufbau umgesetzt wurde (siehe Stalinbauten).

Magdeburg erhielt nun aber eine Ost-West-Achse. War es vor dem Krieg kaum möglich von der Elbe in Innenstadtnähe zu gelangen, da die Eisenbahn am Schleinufer lang führte und das Knattergebirge sehr dicht bebaut war, so sollte nun die Elbe erschlossen werden und eine Straße direkt dorthin führen.

Außerdem entstanden an Deutschlands ehemals bedeutendster Barockstraße, dem Breiten Weg, Plattenbauten.  Manfred Schnarr, der die Stadt nur zerstört kannte, da er vorher zu klein war, erzählt:  „Ich war froh über alles alte, was zusammen geschoben wurde durch den Bagger.“ Er sprach sich für die Neu- und Plattenbauten aus, da er, wie er selbst sagte, eben diese schöne Innenstadt nicht kannte und das Prinzip der kleinen, zum Flanieren einladenden Innenstädte auch erst nach der Wende in den alten Bundesländern kennen lernte. Einen weiteren Grund in einen Plattenbau zu ziehen, brachte Rolf Legerlotz an: "Im Vergleich zu der Lebensqualität in Altbauten, die noch mit Öfen geheizt werden mussten und wo es das Wasser nur eine Treppe tiefer gab, entsprach die Ausstattung eines Plattenbaus echtem Luxus. Dort gab es Wasser direkt aus der Leitung, die Wohnungen hatten Fernwärme."

Nach der Wende wurden allerdings auch die Altbauten Stück für Stück diesem Standard angepasst. Somit wurden die Plattenbauten zunehmend unattraktiver und mancher Stadtteil Magdeburgs wurde fast schon zu einer Geisterstadt.

Aber auch das Stadtbild in der Innenstadt hat sich innerhalb der vergangenen 10 Jahre stark verändert. Michael Stage, Student und Stadtrat, berichtet: „Bis vor 15 Jahren konnte man noch vom Bahnhof bis zur Elbe schauen. Dann wurden die Einkaufszentren gebaut und die Stadt gefüllt. Damals war das eine sinnvolle Entscheidung.“